Interview mit Tim Mälzer

Das Interview wurde geführt von: Daniel Fürg

Tim Mälzer über sich, das Kochen und seine Sprechrolle in "Ratatouille"

Was denkt man sich, wenn jemand auf einen zu kommt und meint, dass er einen Koch als Synchronsprecher in einem Animationsfilm braucht und dann sagt, dass Du perfekt geeignet dafür bist?

Naja, also zunächst macht man sich Gedanken darüber welche Pillen dieser Herr geschluckt haben muss um mich für so etwas perfekt zu halten. Ich war da schon sehr irritiert, dass man da ausgerechnet auf mich gekommen ist, aber hatte dann auch Lust das einmal auszuprobieren. Es hat mir dann auch sehr viel Spaß gemacht. Ich glaube man merkt auch, dass ich am Anfang etwas unsicher war und dann immer besser damit zurechtgekommen bin.

Bist Du mit dem Ergebnis zufrieden?

Zufrieden bin ich eigentlich nie mit dem was ich mache, aber ich glaube schon, dass das gut geworden ist, aber das soll am besten das Publikum entscheiden.

Aussage des Films ist ja in gewisser Weise auch diese Aussage, dass jeder kochen kann – das ist ja auch die Meinung, die Du vertrittst, oder?

Ja, absolut. Der Film hat sehr viele Aussagen, die ich auch wirklich mit ihm teile und für die ich früher auch teilweise immer wieder kritisiert worden bin. Ich freue mich da sehr, dass es einen Film gibt, der einmal ausspricht was sich viele Menschen denken.

Sie werden ja mit Sprüchen wie „Schmeckt nicht gibt’s nicht“ oder auch „Billig kann nicht gut sein“ in Verbindung gebracht. Jetzt gibt es ja auch den Spruch, dass man aus „Scheiße Gold machen kann“. Ist das auch als Koch möglich?

Nein, das ist nicht möglich. Daraus kann man höchstens eine Blase erschaffen, die dann irgendwann zerplatzt. Natürlich kann man etwas schlechtem noch zu relativ viel Glanz verhelfen, aber das als Kunst auszurufen funktioniert nicht, das ist meiner Meinung nach Blödsinn. Ich sage auch nicht, dass „günstig und gut“ nicht funktioniert, sondern ich denke, dass „billig und gut“ nicht funktionieren kann. In dieser Kette würde dann irgendjemand einen Nachteil haben.

Zutaten scheinen ja somit sehr wichtig zu sein – wie schwierig ist es in Hamburg an gute Ware heranzukommen?

Der durchschnittlichen Koch, der mit den lokalen Gegebenheiten klar kommen muss hat in Hamburg schon sehr gute Möglichkeiten sich zu versorgen, auch durch den Hafen, den Großmarkt und die Nähe zur Landwirtschaft in Niedersachsen und Schleswig- Holstein. Der Trend geht auch dahin, dass es wieder mehr Betriebe gibt, die für den regionalen Bedarf produzieren und so sind inzwischen zum Beispiel auch wieder verschiedene Schweinesorten. Man muss allerdings auch bereit sein eine Phase zu überleben in der, der Kunde noch nicht bereit ist einen meist etwas höheren Preis zu bezahlen.

Wie wichtig ist die Nase für einen Kochs?

Sehr wichtig. Da gibt es einen ganz einfachen Trick um das zu beweisen. Man püriert ganz einfach Himbeeren und Tomaten, kneift sich die Nase zu und probiert die beiden Sachen. Dabei wird man feststellen, dass man nur sehr schwer einen Unterschied erkennen kann. Gerüche sind demnach sehr wichtig und das eigentlich Aufregende und Spannende an einem Gericht findet nur mit der Nase statt. Das merkt man auch, wenn man sich bei einem Gericht zum Beispiel an den besten Fisch erinnert, den man jemals in seinem Leben gegessen hat und man sich dann zum Beispiel auch an die ganze Atmosphäre und die Gerüche erinnert, die zu diesem Zeitpunkt um einen herum wahrzunehmen waren. Da spielt die Nase eine große Rolle.

Hat man als Koch auch die große Angst vor dem Kritiker wie in „Ratatouille“?

Ich habe keine Angst vor dem Kritiker, aber ich habe mich dazu entschlossen Kritiken über mich in gewisser Weise einzuschränken. Es gibt für mich verschiedene Formen des Kritikertums. Der Stern zum Beispiel ist eine Redaktion, die nur über gute Dinge berichtet ohne irgendjemanden runterzumachen. Das ist sehr respektabel. Hier wird der Maßstab des Kritikers angelegt und somit gesagt was dieser als gut empfindet. Es ist zum Beispiel auch nicht richtig, dass jeder Koch der nicht im Michelin verzeichnet ist gleichzeitig ein schlechter Koch ist. Wenn der Konsument, der die Maßstäbe dieses Führers kennt, einen Koch darin findet kann er sich sicher sein, dass die Anforderungen erfüllt worden sind, die an den Koch gestellt wurden. Es gibt aber auch oft Kritiker, die meinen mit Gewalt etwas negatives schreiben zu müssen und das finde ich sehr anmaßend. Man sagt viel und riskiert wenig, denn etwas von oben herab schlecht zu machen ist keine Kunst. Jeder kann an allem etwas herumkritisieren, da in dem Moment niemand kontrollieren kann ob es stimmt. Wenn ich aber sage, dass etwas gut ist dann wurde ich selbst von einer Sache überzeugt und kann meine Erfahrung an andere Leute weitergeben.

Sind Sterne nicht auch eine Belastung für einen Koch? Wenn man dann zum Beispiel heruntergestuft wird…

Wenn man zum Beispiel von drei auf zwei Sterne heruntergestuft wird gehört man immer noch zu den 120 weltweit besten Restaurants. Mit einem Stern weniger gehört man nicht mehr zur absoluten Elite, aber immer noch zu den Besten. Das ist auch immer eine Sache der Zeit, denn vor zwanzig Jahren hat man einen Stern zum Beispiel noch für andere Sachen bekommen als heute.

Wie kommt es eigentlich, dass die Kochkunst eine Männerdomäne ist?

Ich glaube, dass Frauen eine zu hohe soziale Intelligenz dafür haben. Wenn man als Koch erfolgreich sein muss hat man sich erst durch eine harte Zeit zu kämpfen in der man eigentlich fast überhaupt keine Zeit mehr für Freunde und Familie hat, da man so viel arbeiten muss. In dieser Zeit ist es sehr schwer sich ein soziales Netzwerk zu erhalten. Frauen sind meist nicht bereit so viel dafür aufzuopfern.

Warum macht man dann auch noch diese starke Medienpräsenz?

Weil es wirklich sehr aufregend ist. Ich habe dadurch viele Vorteile und bekomme sehr viel positives Feedback. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir das überhaupt nichts bedeutet. Ich meine ich bin Tim und sitze hier gerade für ein Interview zu einem Disneyfilm für den ich eine Figur synchronisiert habe. Das ist für mich immer noch eine komische Vorstellung, aber ich genieße das, es macht mir einfach sehr viel Spaß.

Was würdest Du Deinen Zuschauern am liebsten vermitteln?

Dass es eigentlich nicht wichtig ist was ich sage. „Schmeckt nicht gibt’s nicht“ heißt nicht, dass ich sage, dass es das nicht gibt. Es soll vielmehr heißen, dass sich jeder ein eigenes Bild machen sollte und für sich selbst entscheiden sollte was ihm schmeckt und was nicht. Um zu wissen was einem selbst schmeckt braucht man keinen Kritiker, keinen Lafer, keinen Oliver und auch nicht mich. Das sollte man für sich selbst herausfinden. „Born to cook“ heißt nicht, dass ich geboren wurde um zu kochen. Es soll heißen, dass eigentlich jeder kochen kann.

Inwieweit harmonisiert das Kochen mit dem Kino?

Also ich bin der Meinung, dass man in einem Kino nicht anfangen sollte gesundes Essen anzubieten. Kino und Popcorn gehört einfach zusammen, da braucht man keine kulinarischen Highlights. Aber man kann zum Beispiel vor dem Kino gut essen gehen oder auch danach. Beim Theater macht man das ja auch oft und Kino ist genauso Kultur, nur in einer anderen Form.

Hat sich nach diesem Film Deine Einstellung zu Ratten in der Küche verändert?

Nein, bei mir hat sie immer noch keine höheren Überlebenschancen.

Schon einmal eine Ratte in der Küche gehabt?

Das ist gar nicht so ungewöhnlich, da man ja in alten Städten lebt. Dort gibt es überall Ritzen und unterirdische Gänge.

Schon einmal etwas von einem Rezept mit Ratten gehört?

Ich habe einmal gesagt, dass ich alles essen, allerdings mit zwei Ausnahmen. Und zwar Dinge, die nicht in meinen Kulturkreis gehören und Tierquälerei. Was letzteres angeht ist auch das ein Grund warum ich immer mehr auf regionale Produkte achte, die keine langen Tiertransporte erforderlich machen. Ich muss keine Insekten, Schlangen, Affen oder Ratten essen, wenn das nicht zu mir gehört. Man ist mit etwas anderem groß geworden, versucht offen für neues zu bleiben aber bewahrt sich trotzdem noch seine eigenen Grenzen.

Hast Du nicht Angst irgendwann einmal ganz als reiner Dienstleister zu enden?

Ja, ich habe so einen Spruch, der heißt, dass ich immer kochen dürfen und niemals müssen möchte. Das ist mein Traumziel und das ist eigentlich ein Synonym dafür, dass ich immer das machen möchte was ich auch wirklich gerne mache. Wenn man nur noch arbeitet um Geld zu verdienen und seinen Lebensstandard zu sichern macht es keinen Spaß mehr. Es geht nicht um die Menge des Geldes, sondern um die Qualität des Geldes. Ich habe nie etwas vermisst, war nie arm, nie reich, hatte Schulden, habe meinen Dispo überzogen und nie traurig, hatte deshalb nie Sorgen. Es gab auch mal Dinge über die ich später gedacht habe, dass ich sie vielleicht nicht hätte machen sollen, aber in dem Moment hatte ich Spaß daran.

Wie oft passiert es eigentlich, dass man Dich auf der Straße anspricht und man Dir dann erzählt was gekocht wurde und gefragt wird was man dabei besser machen könnte?

Oft, das finde ich auch sehr faszinierend und spannend. Ich werde oft gefragt wie man welches Gericht am besten kochen kann.

Vielen Dank für das Interview!