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Interview mit Stephen Walker Das Interview wurde geführt von: Daniel Fürg Stephen Walker spricht über seinen Film "Young@Heart" Wann hatten Sie die Idee „Young@Heart“ zu machen? Nachdem ich ein Buch geschrieben hatte war ich auf der Suche nach einer Idee für einen neuen Film und meine Frau kam eines Tages nach Hause und erzählte mir, dass sie Tickets für ein Konzert eines Chors hat, der aus alten Leuten besteht, die Rockmusik singen. Ich war zunächst nicht wirklich begeistert davon, weil ich nicht wusste, wie man sich das vorzustellen hat. Können diese alten Leute wirklich singen oder soll das nur ein Spaß sein? Ist das nur Karaoke? Das hätte schreckliche Musik sein können – war es aber nicht. Wir gingen zu diesem Konzert und ich war begeistert. Das Theater, das sehr groß ist, war komplett voll mit Menschen aller Altersklassen. Dann kam der Chor auf die Bühne und begann zu singen und sie sangen richtig gut. Es war absolut nicht wie Karaoke. Ihre Versionen der verschiedenen Songs waren grandios, ganz anders als alles andere, was ich bis zu diesem Zeitpunkt gehört hatte. Als dann Eileen Hall auf die Bühne kam und „Should I Stay or Should I Go“ von The Clash sang wurde mir plötzlich klar, dass sie mit ihren 93 von Leben und Tod singt. Ich erinnere mich daran, dass ich dann darüber nachdachte, dass das ein wirklich interessanter Film über das Alter, den Tod, Sex und Rock’n’Roll Musik werden könnte mit dem sich auch viele jüngere Menschen wegen der Musik identifizieren könnten. Wie lange dauerte es bis Sie zum ersten Mal mit den Chormitgliedern gesprochen haben? Zuerst musste ich den Chorleiter Bob Cilman von meiner Idee überzeugen und er war zunächst äußerst skeptisch, da bereits zwei Dokumentationen über den Chor gedreht wurden und ihm beide nicht gefallen haben. Wir haben aber schon sehr früh über die Idee Musikvideos zu drehen gesprochen und das hat ihm sehr gut gefallen, weil er das sehr interessant fand und das auch noch nie gemacht wurde. Wir haben daran gearbeitet und immer wieder telefoniert und geschrieben. Es dauerte drei Monate bis er dann endlich zugesagt hat. Danach haben wir dann den Chor getroffen und blieben vier Wochen dort. Wir haben an der Idee gearbeitet, dass zum Ende des Films ein großes Konzert mit neuen Songs, die zuvor geübt werden, stattfinden soll. Wir haben das Konzert im Gefängnis geplant und haben unsere Hauptfiguren ausgewählt. Dann haben wir mit dem eigentlichen Film angefangen und sieben Wochen bis zum Konzert gedreht. Ungefähr sechs Wochen danach sind wir zurück und haben die Musikvideos aufgenommen. Der komplette Prozess dauerte zwischen neun Monaten und einem Jahr und das ist sehr lange. Gab es im Chor jemanden, der überhaupt nicht wollte, dass der Film gemacht wird? Nein, das sind alles Showmenschen, die sich zeigen wollen. Sie lieben es aufzutreten. Wir haben jeden einzelnen in seinem Haus besucht und lange geredet. Wir haben Zeit mit ihnen verbracht, Kaffee getrunken und Kuchen gegessen. Wir haben mit ihnen über ihr Leben und ihre Musik geredet. Wir haben dann jeden mindestens einmal getroffen und waren ihnen dadurch bereits recht nah als wir dann mit dem Dreh begonnen haben. Das war sehr gut, weil sie sich so bereits an die Kamera gewöhnt haben und sich dann nicht mehr von ihr beeinflussen ließen. Wir wurden Teil der Familie und sind dem Chor auch heute noch sehr nah. Vor sechs Wochen habe ich den kompletten Chor das letzte Mal in den USA getroffen. Bob Cilman werde ich nächste Woche auf dem Filmfest in Paris treffen, um dort mit ihm zusammen den Film vorzustellen. Wir haben immer wieder Kontakt miteinander. Was halten die Chormitglieder davon, dass der Film jetzt sogar in die Kinos kommt? Das ist fantastisch für sie. Aber das ist es für alle von uns. Das ist ein tolles Erlebnis für die Chormitglieder, weil sie nie damit gerechnet hätten, dass so etwas jemals geschehen würde. Man muss sich vorstellen, dass man 80 Jahre alt ist und plötzlich auf der ganzen Welt im Kino zu sehen ist. Der Film wurde zuerst in den USA, dann in Kanada und jetzt wird er fast auf der ganzen Welt gezeigt. Und die Chormitglieder lieben den Film. Wir haben ihnen den Film zum ersten Mal in Northampton gezeigt – das ist die Stadt in der auch der Chor ansässig ist – im selben Theater gezeigt, in dem auch das Konzert gegen Ende des Films stattfindet. Das ist ein unglaubliches Erlebnis, wenn man in diesem Theater sitzt und dann auf der Leinwand das sieht, was auf der Bühne diese Theaters geschieht. Das Theater war komplett voll, es waren ungefähr 1000 Leute dort. Es gab keinen einzigen freien Platz und der gesamte Chor kam, um den Film zu sehen. Am Ende gingen sie alle auf die Bühne und das Publikum stand auf und applaudierte fast zehn Minuten lang. Abgesehen davon verdienen alle auch Geld damit, das heißt sie werden dafür bezahlt. Wenn der Film also Erfolg hat bekommen sie auch mehr Geld. Das ist ja auch Ihr erster Film, der im Kino gezeigt wird – was ist das für ein Gefühl? Das ist sehr spannend und aufregend. Es ist wundervoll, wenn man im Kinosaal sitzt und sich seinen eigenen Film ansehen kann. Beim Fernsehen kann man sich das zwar auch ansehen, aber man bekommt die Reaktion des Publikums nicht so intensiv mit. Man bekommt danach nur eine Information über die Zuschauerzahlen und ein paar Kritiken in den Zeitungen des kommenden Tages. Im Kino achtet man auf das Publikum und merkt genau, wann die Leute lachen und wann sie von den Gefühlen mitgerissen werden. Wir haben in den USA sehr viele Vorführungen gemacht, bei denen auch ich anwesend war. Ich wollte allerdings nie, dass das Publikum zu Beginn weiß, dass ich auch da bin. Ich habe mich immer erst nach dem Film vorstellen lassen, weil ich wollte, dass das Publikum unbeeinflusst ist und ich als ganz normaler Zuschauer im Saal sitzen kann. Ich habe den Film inzwischen ungefähr 25 mal mit Publikum gesehen und die Reaktionen waren wirklich unglaublich, sehr spannend und bewegend. Wenn Menschen zusammenkommen, um diesen Film zu sehen geschehen interessante Dinge. Viele Leute lachen und weinen – je nachdem, was gerade im Film geschieht. Teilweise habe ich schon erlebt, dass das ganze Kino weint. Was für ein Mensch ist Bob Cilman? Er ist sehr talentiert, diskret, aber er ist auf keinen Fall ein Sozialarbeiter. Sein Job ist es nicht alte Menschen glücklich zu machen. Er macht in erster Linie Musik und unternimmt alles, damit diese möglichst gut wird. Das funktioniert so gut, dass Menschen Geld dafür bezahlen, um den Chor bei Konzerten zu sehen. Man darf nicht vergessen, dass dieser Chor auf der ganzen Welt auftritt. Das ist kein Karaoke, sondern sehr interessante Musik. Im Film sieht man, wie sie an Songs arbeiten. In den Musikvideos sieht man sehr gut zu welch musikalischen Leistungen diese Menschen fähig sind. Sie sind sehr gut und außergewöhnlich. Er ist hin und wieder recht hart zu seinen Chormitgliedern, aber sie respektieren ihn. Sie möchten auch gar nicht wie kleine Kinder behandelt werden. Er sagt ihnen ganz klar was sie machen sollen und wer das nicht machen möchte muss gehen. Er ist sehr hartnäckig. Er hat 1982 mit dem Chor angefangen und war damals 29 Jahre alt. Er sah in dieser Zeit 17 Menschen sterben – es gibt kein einziges Chormitglied, das von Anfang an dabei war und noch lebt. Er geht zu den Beerdigungen und hält dort auch Reden. Was bedeutet der Chor seinen Mitgliedern? Alles. Ich habe mit ihnen darüber gesprochen und das sieht man auch im Film. Er bietet ihnen Leben, Hoffnung und Spannung. Es ist denke ich eher ungewöhnlich, wenn man mit über 80 Jahren nach Europa fliegt, um dort aufzutreten. Sie sind auch schon in München, Berlin und Rotterdam aufgetreten. Auch in Australien waren sie schon. Joe, der während der Dreharbeiten gestorben ist hat kurz vor seinem Tod darüber gesprochen, wie aufregend es ist auf einer Bühne zu stehen und vor einem großen Publikum zu singen. Sie lieben auch alle die Freundschaften, die durch den Chor entstanden sind. Wie reden die Chormitglieder über den Tod? Sie reden nicht wirklich viel darüber. Aber ich denke, dass es sehr viel interessanter ist, wie sie reagieren, wenn jemand aus den eigenen Reihen stirbt. Sie machen einfach immer weiter. Das sieht man auch bei den beiden Todesfällen im Film. Sie haben keine Angst davor darüber zu reden. Wenn man 80 Jahre alt ist es ein wenig wie in den Schützengräben im ersten Weltkrieg. Jeden Moment kann es passieren, dass dein bester Freund stirbt. Man weiß nie, wer als nächstes stirbt, vielleicht ist man es auch selbst. In den Schützengräben war es ähnlich und irgendwann findet man sich damit ab. Sie verstehen das viel besser als wir es tun. Sie singen in gewisser Weise mit ihrem letzten Atem, aber deshalb muss man noch lange nicht aufhören Dinge zu machen, die einem Spaß bereiten. Das ist auch eine wichtige Botschaft des Films denke ich. Wie war es bei dem Konzert, das im Gefängnis stattgefunden hat? Das war ja kurz nachdem ein Chormitglied verstorben war. Das war zwei Stunden nachdem der Chor von diesem Todesfall erfahren hat. Das war aus so vielen Gründen ein sehr bewegender Moment in diesem Gefängnis zu sein. Kurz zuvor ist jemand gestorben und sie haben einfach weitergemacht. Auch die Reaktion der Gefängnisinsassen war sehr interessant. Anfangs lachten sie darüber und waren sich nicht sicher, wie sie damit umgehen sollen. Als der Chor dann „Forever Young“ gesungen hat sah man wie sich die Gesichter der Gefangenen verändert haben. Sie waren in diesem Moment so verwundbar. Man sah regelrecht wie sie dahin geschmolzen sind. Was denken Sie, ist der Grund dafür, dass ältere Menschen immer mehr das Interesse der Menschen wecken? Wir werden alle älter, die Bevölkerung wird immer älter. Ich denke, dass das sehr interessant ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Leute immer älter werden. Ich denke je älter die Menschen werden desto mehr möchten wir vergessen, dass wir alt werden. Wir würden alle gerne ewig jung, gesund und schön bleiben. Wenn man sich Werbung im Fernsehen ansieht bekommt man nur junge und schöne Menschen zu sehen. Das wird nach einiger Zeit allerding langweilig und ist nicht zuletzt auch unrealistisch. Die Realität ist sehr viel interessanter und das zeigt auch „Young@Heart“. Warum sollte man diese Menschen, die ein spannendes Leben haben, einfach ignorieren? Gab es ein Chormitglied, das Sie am meisten fasziniert hat? Sie sind alle sehr faszinierend. Ich denke, dass ich Eileen Hall besonders nah gekommen bin. Sie hat mit mir die ganze Zeit geflirtet. Sie war sehr faszinierend. Auch Fred ist jemand, dem ich sehr nah gekommen bin. Ich liebe seinen Humor und seine Einstellung. Seine Ärzte sagen ihm immer wieder, dass er eigentlich schon lange tot sein müsste und er macht einfach immer weiter. Aber alle haben auf ihre Weise etwas ganz besonderes. Hat Fred inzwischen aufgehört im Chor zu singen oder macht er immer noch weiter? Nein, er kommt immer wieder zurück. Sobald irgendwas in der Gegend stattfindet versucht er daran teilzunehmen. Er wird singen bis er stirbt. Er hat auch eine wirklich tolle Stimme. Seine Version von Coldplays „Fix You“ ist zu einem YouTube-Phänomen geworden, das über eine Million Mal angesehen wurde. Die Menschen lieben es, weil der Song sehr gut ist und durch Fred eine andere Bedeutung bekommt. Haben Sie bereits ein neues Projekt? Ich habe ungefähr zehn Drehbücher in meinem Hotelzimmer liegen, die ich alle noch durchlesen möchte. Wenn man einen Film macht, den die Menschen mögen fangen alle Hollywoodstudios damit an einem Drehbücher zu schicken. Mir wurde sehr viel geschickt und ich lese im Moment sehr viel. Wenn mir davon etwas gefällt wäre das toll und wenn nicht werde ich eine weitere Dokumentation machen oder noch ein Buch schreiben. Gab es in „Young@Heart“ eine Szene, die Sie am meisten bewegt hat? Mich haben sehr viele Momente bewegt, aber es gab eine Sache, die mir wirklich sehr nahe gegangen ist. Das ist der Moment kurz nachdem die erste Person im Film stirbt und ein Chormitglied aufsteht und „Nothing Compares to You“ singt. Ich liebe die Art, wie sie diesen Song gesungen hat und in diesem Moment hat mich das sehr bewegt. Ein anderer Moment war als Eileen Hall, die inzwischen auch gestorben ist, einmal zu mir gesagt hat, dass sie eines Tages auf einem Regenbogen sitzen wird und von dort aus dem Chor zusehen wird. Hat Joe immer noch gekämpft, um bei dem Konzert dabei sein zu können als Sie ihn zum letzten Mal im Krankenhaus besucht haben? Ja, sehr. Ich dachte, dass er das auch schaffen wird. Ich wusste, dass er Probleme mit den weißen Blutkörperchen hat und habe geglaubt, dass das mit einer Bluttransfusion zu beheben ist. Wir dachten alle, dass ihm die Transfusion die nötige Energie für den Auftritt geben würde. Wir haben alle nicht geglaubt, dass er sterben würde. Ich werde die Zeit in der ich mit ihm ganz alleine in seinem Krankenhauszimmer war niemals vergessen. Außer Joe und mir war niemand im Raum, ihm war langweilig und wir haben über alles mögliche gesprochen. Er war sehr krank und ich denke, dass er das auch wusste, aber niemandem erzählt hat. Es war unglaublich wie lange er durchgehalten hat. Vielen Dank für das Interview! |
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